direkt vor mir, nur einen schritt entfernt das mahnmal zur erinnerung
an die bücherverbrennung 1938
ein buchskelett aus schwarzem stahl schwebt in einem von glas bedeckten
in den boden eingelassenen
innen weiß verkleideten betonkubus auf den gerade fröhlich ein kind hüpft
darüber stampft und dann von der mutter die recht emotionslos einen kurzen blick
an das skelett verliert, heruntergehoben wird
wenigstens liegen nur weiß-rosa kastanienblüten auf der scheibe und keine für den abfalleimer bestimmten reste
wenigstens lacht das kind
mahnmäler müssen stören dürfen nicht behübschen
sollen auffallen, erregen und anregen aber nein, in salzburg lieber
einen gefälligen, unproblematischen
sich harmonisch ins heilige stadtbild einfügenden unfassbar unscheinbaren, für alle
verdaulichen kompromiss aber gewalt ist kompromisslos
in unmittelbarer nähe des residenzbrunnens sammeln sich auch jetzt menschen
ich beobachte eine gruppe jugendlicher
zwei von ihnen treten eine flasche hin und her die anderen unterhalten sich
die meisten halten handys in den händen kein feuer brennt, nur meine zigarette
es ist der 24. april 2025
87 jahre bedeuten nichts
lange vor den nazis wurden bücher verbrannt und immer noch brennen bücher
werden versenkt, vernichtet verschwinden aus bibliotheken landen auf schwarzen listen
und werden nicht mehr publiziert
meine gedichte hätten ‘38 gebrannt und würden jetzt vermutlich aus
amerikanischen regalen entfernt werden
meine existenz
mit fragezeichen behaftet meine kunst
dichter, in den winkel mit dir!
schäm dich für dich und deine worte!
du bist selbst schuld dran, dass du brennst!
der dichter im winkel
der dichter mit rosa winkel
ich sitze und stehe in flammen
ich stehe in flammen und schreibe
ich lese in flammen, die brennen schon lang ich trinke in flammen kaffee
ich sitze und friere und frag mich:
wozu das alles? wozu mir gedanken machen? für was an den tatort reisen und versuchen
aus den ritzen im pflasterstein, den baumrinden den luftmolekülen etwas wie poesie
zu saugen? was könnt ich schon sagen im schatten totalitärer unfassbarkeiten?
will ich was sagen oder fall ich auf mich selber rein und den eigenen vorstellungen und vorhaben? gaukle ich nur was vor? heuchle ich interesse
und betroffenheit, um daraus selbstwert zu schöpfen? was nützt schon ein gedicht über verbrannte bücher?
der himmel steht schief, es tröpfelt hätten sich damals bloß wolken
über die stadt verirrt und an den spitzen des doms ihre leiber aufgerissen
um die feuersbrunst zu löschen!
Springenschmid wäre vor ärger
in die salzach gesprungen und so manches
buch hätte die zeit überdauern können, vielleicht wahrscheinlich hätte man schlichtweg die ganze hoch inszenierte veranstaltung vertagt
oder man hätte, wie es ohnehin mit dem großteil der 1200 werke
jüdischer, klerikaler und anderer politisch verfemter autoren und autorinnen geschehen ist
den rest auch eingestampft
die salzburger altstadt ist ein wunderhübsches grab und wird mehr und mehr museum ihrer selbst
während sich worte aufs papier brennen löst sich der kaffeeschaum auf
lärmt im hintergrund die baustelle fahren fiaker kreuz und quer quillt wasser aus nüstern
und mäulern der brunnenpferde gurren tauben im kalten wind
wird von allen seiten geredet und gescherzt fotografiert und geschaut, aber nur wenigen fällt das mahnmal ins aug und niemandem die tafel an der wand der michaelskirche mit dem Heinrich-Heine-zitat
das wahrer nicht sein könnte:
„Das war ein Vorspiel nur,
dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“
dort wo bücher verschwinden
schwinden auch spiegel der selbsterkenntnis verkümmern phantasie und vorstellungskraft wird das feld bereitet für hass und lügen und einfache lösungen für komplexe probleme wenn die schleifsteine kritischer, weltoffener zartmütiger gedanken fehlen, im see versenkt als asche, staub und ich sitz hier und schreib während die welt lodert, faschismus wieder eine legitime option für viele zu sein scheint rechte und freiheiten der menschen weiter und weiter beschnitten werden, verkauft bis wir schließlich nackt ums überleben kämpfen jeder gegen jeden (führer und andere könige
sind dann aber auch nicht mehr als zitterndes fleisch das sich seiner sterblichkeit bewusst wird)
ich wünschte, ich wüsste um künste der magie um ungeschehen zu machen, was an grausamkeiten geschah, um das NIE WIEDER in allen köpfen zu festigen, um alles zu tun
um den zerstörenden mächten einhalt zu gebieten
ich wünschte, ich wüsste eine lösung oder hätte eine ahnung einer lösung
aus diesem geflecht
in das wir uns selbst gesponnen über den lauf der geschichte
weil ja immer einer über allen anderen stehen muss die sich zu unterwerfen und den gottgleichen befehlen folge zu leisten haben, wenn nicht, dann kchrrrrrr
ich wünschte, ich sähe licht zwischen den wolken in den lüften ein mahnmal, da steht es nicht eng kastanie, bist du alt genug, um zeitzeugin zu sein? mein erbe der erben wirkt gegenstandslos
hab versickerte wahrheit und abgetrennte gesichte
hab kaum bezug mehr zu der entarteten zeit
und das sag ich als einer, der versucht, den blick auf leerstellen zu richten und das abgelagerte schweigen zum schwingen zu bringen
noch nötig, das feuer zu zügeln
das mir aus den fingern fahren möchte? noch nötig, mich klein zu halten?
„Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt, daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.“ (Paul Celan) ich lege den stift beiseite
meine augen brennen trinke den kalten kaffee lösche die zigarette zahle, stehe auf und geh ohne ein letztes mal
das skelett zu würdigen ohne mich zu verabschieden von den ideen und wörtern
die, ihrer leiblichen hülle entledigt seither wie wilde funken
über den platz flirren
ich frag mich: ist die menschheit bereit sich selbst zu überwinden?
und radle die salzach entlang
und singe ein lied für den frühling